Gewaltfreie Kommunikation
Gewaltfrei kommunizieren | Erhöhe deine Chance, verstanden zu werden
Eine gute Kommunikation schafft Bindung und Beziehung. Ohne es vielleicht zu beabsichtigen, nutzen wir aber häufig Worte, die für uns und für unser Gegenüber Verletzungen und Leid zur Folge haben. Der amerikanische Psychologe Marshall B. Rosenberg bezeichnet diese Kommunikation als lebensentfremdende Kommunikation, in der wir unbewusst trennende Mechanismen verwenden, wie zum Beispiel die moralische Verurteilung (Rosenberg, 2001). Wir gleichen dabei das Verhalten von anderen Menschen mit unserem persönlichen Werteverständnis ab und bewerten deren Verhalten als falsch oder richtig. So können Vorwürfe, Beleidigungen und Urteile entstehen, wie z. B. „Du bist so arrogant!“. Rosenberg bietet mit der von ihm in den 1960er Jahren entwickelten Gewaltfreien Kommunikation eine Alternative dazu, die uns verbindet, anstatt uns zu trennen. Es ist eine sanfte Sprache, die aufrichtige und wertschätzende Verbindungen kreiert und frei von Manipulation, Angst, Schuld und Gier ist; eine Sprache, die uns dabei hilft, den Kern von Konflikten zu entlarven und nachhaltige Lösungen zu finden.
Die GFK besteht aus 4 Schritten: Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis und Bitte.
Demnach solltest du in einer herausfordernden Situation immer erst neutral beobachten, was passiert, anstatt deine Wahrnehmung gleich von deinen Gefühlen trüben zu lassen (Was siehst du? Was hörst du? Was ist passiert?). Im 2. Schritt findest du heraus, welche Gefühle die Situation in dir auslöst (Wie fühlst du dich?). Häufig vermischen wir die beiden ersten Schritte. Um eine Situation wirklich zu verstehen, ist es wichtig, sie zu trennen. Im 3. Schritt ermittelst du dein Bedürfnis (Was brauchst du?), um es im 4. Schritt als Bitte zu formulieren (Was brauchst du von anderen, damit deine Bedürfnisse erfüllt werden?).
Hier ein Beispiel:
Stell dir einmal vor, du bist mit deinen Kindern in der Sporthalle und Finn hat heute die Aufgabe, die Bälle einzusammeln. „Finn, jedes Mal muss ich die Bälle selbst wegräumen. Auf dich ist echt kein Verlass.“, wäre ein Beispiel für so genannte lebensentfremdende Kommunikation, da du Finn mit einem Vorwurf konfrontierst, der möglicherweise eine Abwehrhaltung bei ihm und einen Streit zwischen euch auslösen kann.
Anhand der GFK kannst du Finn einfühlsam und genau erklären, was sein Verhalten in dir auslöst und was du dir von ihm wünschst. Das steigert die Chance, dass Finn zukünftig seiner Aufgabe nachgeht und sich wirklich etwas ändert. Hierfür schilderst du ihm zunächst, was du beobachtest („Die Bälle liegen noch verstreut in der Sporthalle.“) und anschließend das Gefühl, das dies in dir auslöst („Ich bin davon genervt und frustriert.“). Du erklärst dein Bedürfnis („Ich brauche deine Unterstützung, damit ich nicht alles alleine aufräumen muss.“) und formulierst eine Bitte an Finn („Kannst du bitte die Bälle einsammeln?“).
Die Voraussetzung für die Verwendung der GFK ist, dass du ernsthaft daran interessiert bist, die Bedürfnisse und Bitten deines Gegenübers zu verstehen und anzunehmen, damit eine Win-Win-Lösung, die die Bedürfnisse aller Beteiligten befriedigt, entstehen kann. Wir drücken dies als Haltung aus, die in etwa Folgendes besagt: „Ich akzeptiere, dass ich bestimmte Bedürfnisse habe, die sich von deinen unterscheiden können. Ich akzeptiere, dass du bestimmte Bedürfnisse hast, die sich von meinen unterscheiden können. Beides ist in Ordnung. Ich bin in Ordnung. Du bist in Ordnung.”
Wichtig: Beim gewaltfreien Sprechen gibt es keine Forderungen oder Befehle, sondern es werden Bitten formuliert, die das Gegenüber natürlich theoretisch auch ablehnen kann. Besonders dann ist es wichtig, sich auf die Haltung zurückzubesinnen, und nach anderen Lösungen zu suchen, die die Bedürfnisse aller berücksichtigen.
So kann Finn aus dem obigen Beispiel zunächst deine Bitte ablehnen („Ich möchte die Bälle jetzt nicht einsammeln.”). Darum haben wir die 4 Schritte der GFK um einen 5. Schritt, die Lösungsfindung, ergänzt. Im 5. Schritt kannst du Finn dann fragen, was er gerade braucht, und ihr könnt darauf basierend eine Lösung finden („Was möchtest du denn gerade tun?” - „Ich will raus und Fußball spielen.” - „Das kann ich gut verstehen, das würde ich jetzt auch gerne machen. Ich sehe, dass die Bälle noch aufgeräumt werden müssen, vorher kann ich auch nicht rausgehen und spielen. Ist es okay für dich, mir mit den Bällen zu helfen, damit wir beide früher rausgehen können? Gemeinsam geht es schneller.” - „Okay.” - „Danke für deine Hilfe, Finn.”).
Die GFK ist eine Kommunikationstechnik, die dich also dabei unterstützt, deine Bedürfnisse deutlich anzusprechen und unangenehme Streitigkeiten zu vermeiden. Als „Sprache des Lebens“, wie Rosenberg sie bezeichnet, kann sie sogar noch mehr sein. Sie kann auch dein Bewusstsein für die Konflikte in dir schärfen und dir zu Klarheit über deine eigenen Gefühle und Bedürfnisse verhelfen. Die GFK ist somit insbesondere eine Lebenshaltung voller Wertschätzung und Mitgefühl – anderen Menschen gegenüber aber auch dir selbst.
Quelle: Rosenberg, M. B. (2001). Gewaltfreie Kommunikation - Eine Sprache des Lebens. Paderborn: Jungfermann.