Emotionsregulation | Informationen zu den Strategien
Emotionsregulations-Strategien umfassen verschiedene Strategien oder Prozesse, mit deren Hilfe Einfluss auf das Erleben und Ausdrücken von Emotionen genommen werden kann (Barnow, 2012). Mit anderen Worten sind Emotionsregulations-Strategien Methoden, die es ermöglichen, über körperliche Prozesse (z. B. Atmung, Bewegung) und/oder kognitive Prozesse (z. B. Aufmerksamkeit, Gedanken) Einfluss auf Gemütszustände zu nehmen.
Im Übungskatalog III erlernen die Kinder verschiedene Methoden der Emotionsregulation, die körperliche und kognitive Herangehensweisen beinhalten. So können die Kinder nach und nach herausfinden, welche Herangehensweise und Strategien sie als hilfreich erachten und welche eher nicht. Ziel dabei ist es immer auch zu vermitteln, dass die Regulation von starken Emotionen dabei hilft, sich so verhalten, dass ich anderen keinen Schaden zufüge und in der Lage bin, einen Konflikt kooperativ zu lösen.
Im Übungskatalog bezeichnen wir die Strategien als „Tricks”, um sie für die Kinder zugänglicher zu machen. Für jeden „Trick” befindet sich ein Bild im Materialkoffer. Die Bilder zu den von euch behandelten „Tricks” werden in die Chill-Zone gehängt.
Trick „Botschaft an mich”
Mit dem Trick „Botschaft an mich“ lernen die Kinder positive Glaubenssätze als Botschaften an sich selbst kennen. Glaubenssätze beeinflussen unsere Gedanken und Gefühle (Kneeland et al., 2020) und können dadurch steuern, wie wir Situationen interpretieren und uns verhalten. Wenn wir z. B. fest daran glauben, etwas zu schaffen, steigert dies die Wahrscheinlichkeit, dass wir es schaffen.
Explizit werden den Kindern Glaubenssätze in Form der Selbstgesprächsregulation vermittelt (z. B. „Ich bin wichtig"), die bei der adaptiven Regulation von Emotionen hilfreich sein könnten.
Trick „Taucheratmung”
Der Trick „Taucheratmung" zielt auf eine tiefe, bewusste und ruhige Atmung, die beruhigend auf den Körper wirkt und so für Entspannung in aufwühlenden Situationen sorgt (Zaccaro et al., 2018).
Durch bewusste Aufmerksamkeitslenkung auf die Atmung fällt es den Kindern leichter, tief und ruhig zu atmen. Sie signalisieren so ihrem Körper, dass alles gut ist. Tiefe und ruhige Atmung wirkt beruhigend auf den Körper und sorgt für Entspannung in aufwühlenden Situationen (Zaccaro et al., 2018).
Zudem wirkt das bewusste Wahrnehmen des Atems als Interventionsstrategie: Ist gerade etwas passiert, was eine sehr emotionale Reaktion hervorgerufen hat (z. B. ein Kind wird von einem anderen Kind beleidigt und ist nun wütend), kann das Kind akut nichts dagegen tun, dass es wütend wird. Seine Aufmerksamkeit ist bei seiner Wut. Durch das bewusste Umlenken der Aufmerksamkeit von seiner Wut auf seine Atmung entsteht ein Raum, der es ermöglicht, die Kontrolle über seine Gedanken und Handlungen wiederzugewinnen, statt ohne zu überlegen drauf los zu wettern.
Konkret setzt sich der Trick aus zwei Komponenten zusammen, einem Erinnerungsspruch und bewusster Atmung. Durch den Erinnerungsspruch können Kinder ihre Aufmerksamkeit bewusst steuern, dadurch entscheiden, welche Gedanken sie fokussieren und infolgedessen ihre Gefühle beeinflussen (Moser et al., 2017).
Trick „Power dich aus”
Bei dem Trick „Power dich aus“ lernen die Kinder, ihre Emotionen durch körperliche Betätigung zu regulieren. Sie erfahren im wahrsten Sinne des Wortes am eigenen Körper, dass sich sowohl Ausdauer- als auch Koordinationsübungen positiv auf die eigene Emotionsregulation auswirken (Bahmani et al., 2020; Edwards, Rhodes & Loprinzi, 2017).
Körperliche Aktivität dämpft die Intensität unerwünschter Emotionen infolge einer emotionsauslösenden Situation und erhöht dadurch die Wahrscheinlichkeit, dass diese Emotionen mit den gegebenen Ressourcen des Individuums produktiv reguliert werden können.
Anstatt die eigene Wut an einer anderen Person oder einem zerbrechlichen Gegenstand auszuleben, schlagen manche Menschen auf ein Kissen ein und lenken so ihre Wut in produktive Bahnen, die niemanden verletzen. Auch Kontraktionen der linken Hand (also eine angespannte Faust ballen) können helfen, mit (Wettkampf-)Angst bzw. Stress und Druck in Leistungssituationen umzugehen (Gröpel & Mesagno, 2019).
Die Kinder lernen mit diesem Trick, dass man sich mit verschiedenen Bewegungsformen wie Seilspringen, Sprints und einen Ball kräftig gegen die Wand oder auf den Boden werfen auspowern kann und insbesondere so seine Wut, aber auch andere Emotionen besser regulieren kann.
Trick „Happy Song”
Über bewusste Körperbewegungen können wir Einfluss auf unsere Gefühle nehmen (Shafir, Tsachor & Welch, 2016). Folglich bietet sich Bewegung (tanzen, malen, musizieren, sportliche Aktivität) zur Emotionsregulation an und es wurden bereits zahlreiche auf dieser Methodik basierende Therapieformen entwickelt (z. B. die Dance/Movement Therapy, die nachgewiesen Symptome wie Angst, Depression, erhöhte Erregung und Aggression reduziert, Harris, 2007).
Jedes Mal, wenn die Kinder selbst traurig sind oder einen anderen Menschen sehen, dem es nicht gut geht, können sie den Happy-Song singen und dazu tanzen. Dadurch können die Kinder sich selbst (oder auf Nachfrage hin auch andere) zum Lachen bringen und eine leichtere Stimmung erzeugen.
Wenn es in einer bestimmten Situation nicht angebracht ist, zu tanzen (z. B. im Unterricht), können sie auch auf einzelne Sequenzen aus dem Tanz zurückgreifen (z. B. nur die Hände ballen und lockerlassen).
Trick „Bunte Brille”
Durch den Trick lernen die Kinder, ihre Gefühle durch eine positive Umbewertung der Situation zu regulieren (Egloff, 2009; Gunzenhauser, Stiller & Suchodoletz, 2018).
Empfundene Emotionen und das eigene Verhalten hängen sehr oft nicht von einer Situation an sich ab, sondern von der eigenen Wahrnehmung, Interpretation und Bewertung der Situation. Mit anderen Worten betrachten wir die Welt metaphorisch durch eine subjektive Brille, die die objektive Wahrnehmung trübt (Goleman, 1996). Die Umbewertung durch das Aufsetzen der „Bunten Brille” erlaubt es den Kindern, eine positive Alternative zu ihrer Wahrnehmung und Interpretation einer Situation zu entwickeln.
Soll ein Kind z. B. ein Gedicht vor der Klasse vortragen, kann diese Herausforderung als Chance verstanden werden, sich zu beweisen. Die gleiche Situation kann aber auch als Möglichkeit des Scheiterns und damit als Bedrohung interpretiert werden. Hat das Kind Angst, zu versagen und sich vor der Klasse zu blamieren, so zielt die Umbewertung darauf ab, die Wahrnehmung, Interpretation und Bewertung der Situation positiv zu modifizieren (Egloff, 2009). So kann das Kind z. B. die wahrgenommene erhöhte Herzfrequenz als Zeichen für Vorfreude und excitement (erregte Bereitschaft) - statt von Angst - deuten.
Die Umbewertung von Emotionen, speziell bei Grundschulkindern im Vergleich zu Erwachsenen, hat nachgewiesenermaßen einen leistungsunterstützenden Effekt (Gunzenhauser et al., 2018). Sie erbringen bessere kognitive Leistungen, wenn sie ihre Gefühle umbewerten, statt diese zu unterdrücken.
Grundsätzlich gilt, dass Personen, die oft Umbewertungen von Situationen vornehmen, um ihre Emotionen zu regulieren, häufiger angenehme Emotionen im Alltag erleben. Sie haben bessere soziale Kontakte und eine höhere Lebenszufriedenheit (Scheibe, 2010).
Trick „Mein Paradies“
Der Trick „Mein Paradies“ bietet den Kindern die Möglichkeit, sich emotional von Situationen zu distanzieren, die ihre Ressourcen zur Problemlösung übersteigen bzw. in denen sie handlungsunfähig sind (Landolt & Hensel, 2012).
„Mein Paradies“ ist eine emotionsbezogene Copingstrategie aus der Traumatherapie. Emotionsbezogenes Coping bedeutet, die Situation bleibt unverändert bestehen, jedoch wird das Ausmaß der empfundenen Emotionen durch kognitives Umstrukturieren, innerliches Distanzieren oder Ablenken reduziert (Gerrig, 2018).
Das Paradies ist ein imaginärer Ort, den jedes Kind individuell für sich kreiert und an dem es sich sicher, wohl und geborgen fühlt. Hier kann es sich immer zurückziehen und neue Kraft und Energie tanken, um sich den Herausforderungen des Lebens zu stellen.
Quellen:
Aldao, A., Nolen-Hoeksema, S., Schweizer, S. (2010). Emotion-regulation strategies across psychopathology: A meta-analytic review. Clinical Psychology Review, 30, 217-237.
Bahmani, D. S., Razazian, N., Motl, R. W., Farnia, V., Alikhani, M., Pühse, U., Gerber, M., & Brand, S. (2020). Physical Activity Interventions Can Improve Emotion Regulation and Dimensions of Empathy in Persons With Multiple Sclerosis: An Exploratory Study. MultSclerRelatDisord. 37:101380. doi: 10.1016/j.msard.2019.101380.
Baker, T. B., Piper, M. E., McCarthy, D. E., Majeski, M. R., & Fiore, M. C. (2004). Addiction motivation reformulated: An affective processing model of negative reinforcement. Psychological Review, 111, 33-51.
Barnow, S. (2012). Emotionsregulation und Psychopathologie. Psychologische Rundschau.
Edwards, M. K., Rhodes, R. E., &Loprinzi, P. D. (2017). A Randomized Control Intervention Investigating Effects of Acute Exercise on Emotional Regulation. Am J Health Behav., 41(5):534-543. doi: 10.5993/AJHB.41.5.2
Egloff, B. (2009). Emotionsregulation. In Brandstätter, V. & Otto, J.H. (Hrsg.), Handbuch der Allgememeinen Psychologie – Motivation und Emotion (S. 714-722). Hogrefe: Göttingen.
Gerrig, R. (Hrsg.) (2018). Psychologie. Pearson: Hallbergmoos.
Goggins, D. (2020). Can't hurt me. Lioncrest Publishing.
Goleman, D. (1996). Emotional Intelligence - Why it can matter more than IQ. Bantam Books: New York.
Gröpel, P., & Mesagno, C. (2019). Choking interventions in sports: A systematic review. International Review of Sport and Exercise Psychology, 12(1), 176-201.
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Gunzenhauser, C., Stiller, A.-K., von Suchodoletz, A. (2018). Kognitive Neubewertung statt Unterdrückung von Emotionen: Emotionsregulation und Leistung bei Grundschulkindern. In Hagenauer, G. & Hascher, T. (Hrsg.), Emotionen und Emotionsregulation in Schule und Hochschule (S. 29-42). Münster, New York: Waxmann.
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