Gesellschaftlicher Bedarf
Soziale Benachteiligung
In der sich immer schneller wandelnden Welt werden feste Klassezugehörigkeit und festes Klassenhandeln zunehmend von zeitweiligen, horizontalen und sich überlagernden Ungleichheitsstrukturen abgelöst. Soziale Ungleichheit kann episodisch im Lebensverlauf auftreten, ausgelöst durch das Auftreten oder den Wegfall einzelner Risikofaktoren (Weischer, 2022).
In Deutschland sind 31 % der Kinder von mindestens einer bildungsbezogenen Risikolage betroffen. 22 % leben in Armutsgefährdung, 15 % wachsen bei formal gering qualifizierten Eltern auf, 10 % in Haushalten ohne erwerbstätige Eltern. 4 % sind allen drei bildungsbezogenen Risikolagen zugleich ausgesetzt. Insbesondere Kinder mit Einwanderungsgeschichte und in Ein-Eltern-Familien sind mit über 60 % überdurchschnittlich häufig bildungsbezogenen Risikolagen ausgesetzt (Autor:innengruppe Bildungsberichtserstattung, 2024).
Einzelne aber insbesondere die Kumulation mehrerer Risikofaktoren belasten die individuellen Lebens- und Bildungschancen der betroffenen Kinder.
Welchen Verlauf die biografische Verlaufskurve sozialer Ungleichheit nimmt, wird in ihrer Höhe u.a. (neben Markt, Staat und Familie) durch die persönlichen Strategien eines Menschen beeinflusst. Personale Schutzfaktoren wie die sozial-emotionale Kompetenz können Risikofaktoren ausgleichen (Zohsel et al., 2017). Sie zählen zu den Widerstandkräften resilienter Menschen.
Förderung von Resilienz im Bildungssystem
Unter Resilienz verstehen wir die Fähigkeit der Psyche und der Seele auf belastende Lebenssituationen (= Risikofaktoren) so zu reagieren, dass kein Schaden oder Nachteil entsteht. Wie das Immunsystem vor Krankheiten schützt, so schützt Resilienz z.B. vor Beschädigungen der Psyche durch äußere Umstände. Resilienz kann folglich als Anpassungsprozess verstanden werden, in dem Individuen im Zeitverlauf Schutzfaktoren und Ressourcen aktivieren, reorganisieren oder aufbauen, um trotz Belastungen funktional zu bleiben oder sich positiv zu entwickeln (Masten, 2001, Ungar, 2011, Werner, 1992).
Die Resilienz der Kinder, die sich trotz belastender Ausgangslagen positiv entwickeln, wird u.a. durch „Unterstützung von außerhalb der Familie, […] die Kompetenzen des Kindes und die Entwicklung positiver Wertvorstellungen” fördert, gestärkt (Hohm et al., 2017). Daraus lässt sich ein eindeutiger Auftrag für Bildungsinstitutionen ableiten.
Die Grundschule soll durch fachliches und fächerübergreifendes Lernen grundlegende Kompetenzen und Einstellungen als Schlüsselqualifikationen vermitteln, die den Kindern u. a. die individuelle Gestaltung ihres Lebens und die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglichen sollen. Schlüsselqualifikationen werden dabei als eine Zusammenstellung von fachlichen, sozialen und personalen Kompetenzen definiert (Ministerium für Schule und Weiterbildung NRW, 2024). Es kann somit als Aufgabe der Grundschule verstanden werden, neben den fachlichen Kompetenzen auch die personalen Schutzfaktoren von Kindern nachhaltig zu fördern. Um ihren präventiven Charakter entfalten zu können, müssen „soziale und personale (emotionale) Kompetenzen explizit gelehrt und geübt werden“ (Reicher, Matischek-Jauk, 2018). Als Gelingensbedingungen für entsprechende Bildungsprogramme formulieren Experten, dass sie u.a. früh beginnen und über einen längeren Zeitraum stattfinden, sowie klaren Zielstellungen folgen, und auf einem fundierten theoretischen Konzept beruhen müssen (Hennemann, 2017).
Folgen fehlender Resilienz auf Individualebene
Kinder aus psychosozial belasteten Familien sind signifikant symptomauffälliger hinsichtlich ihrer sozial-emotionalen Entwicklung als Kinder, die ohne Risikofaktoren aufwachsen (Laucht, Esser, Schmidt, 2000). Die Symptome äußern sich sowohl in expansiven Auffälligkeiten als auch in emotionalen und entwicklungsspezifischen (introversiven) Auffälligkeiten. Kinder und Jugendliche mit gering ausgeprägten personalen, familiären und sozialen Ressourcen haben ein 5- bis 10fach höheres Risiko für eine geminderte gesundheitsbezogene Lebensqualität, psychische Auffälligkeiten, und depressive Symptome (Kaman et al., 2025). Diese Auffälligkeiten können bis in das Erwachsenenalter anhalten oder im Laufe der Adoleszenz weitere internalisierende und externalisierende Problemverhalten sowie Substanzmissbrauchs- oder Abhängigkeitsdiagnosen hervorrufen (Zohsel, 2017).
Folgen auf der Individualebene sind des Weiteren:
Die kollektive Abwertung des gesamten Familien- und Herkunftssystems der Kinder
Marginalisierung und Exklusion auf dem Arbeitsmarkt
Negative Auswirkung auf Mortalität, Morbidität und subjektive Gesundheit
Erhöhte Delinquenzbereitschaft
Zudem sind Kinder aus psychosozial belasteten Familien in ihrer Bildungsbeteiligung und ihren Bildungschancen eingeschränkt. Diese Bildungsarmut wiederum beeinträchtigt zukünftige Positionen am Arbeitsmarkt und Einkommensoptionen sowie den sozialen Status und individuelle Lebensverwirklichungschance (Quenzel, Hurrelmann, 2019).
Folgen für die Gesamtgesellschaft
Die auf Ebene der Kinder benannte Bildungsarmut hat auch gesamtgesellschaftliche Folgen, die sich in volkswirtschaftlichen, politischen und sozialen Aspekten zeigen.
2025 gaben 28,3 % Unternehmen an, dass fehlendes Personal die Unternehmensgeschäfte einschränke. Die Fachkräftelücke wird durch Zuwanderung nicht ansatzweise geschlossen werden können (BAMF, 2021). Stattdessen muss der Fokus auf Bildungsprogramme für die bereits hier lebenden Menschen gelegt werden. Im Vergleich mit anderen EU-Staaten ist Bildungsarmut in Deutschland mit 10 % der 18- bis 24-Jährigen überdurchschnittlich stark ausgeprägt (Informationsdienst des Instituts der deutschen Wirtschaft, 2022).
Psychische Erkrankungen erzeugen Kosten im Gesundheits- und Sozialsystem. Psychische Erkrankungen kosten Deutschland aktuell 4,8 % des BIP oder knapp 147 Milliarden Euro (Deutsche Gesellschaft für Psychatrie und Psychotherapie, 2022). Auch hier liegt Deutschland signifikant über dem EU-Durchschnitt (OECD, 2018, Interessenvertretung Innungskrankenkassen, 2020).
Politische Partizipation weist eine deutliche Relation zum Bildungsstand und hoher sozialer Problemlast auf. Die Friedrich-Ebert-Stiftung erkennt eine durchweg niedrigere Wahlbeteiligung von Menschen mit niedrigerem Bildungsstand (Kaeding, Haußner, 2016). Neuere Auswertungen der letzten beiden Bundestagswahlen bestätigen eine konstant niedrigere Wahlbeteiligung in Wahlkreisen mit hoher Arbeitslosenquote und Armut (Schäfer, 2023).
Auch ein möglicher schwindender gesellschaftlicher Zusammenhalt lässt sich in Verbindungen zum Bildungsstand einer Gesellschaft bringen. Die Bertelsmann-Stiftung versucht dieses subjektive Empfinden mit Studien greifbar zu machen. Dabei fällt auf, dass Menschen mit niedrigem Einkommen und Bildungsstand die Gesellschaft als ungerechter wahrnehmen. Diejenigen, die die Gesellschaft gerechter erleben, schenken auch staatlichen Institutionen eher Vertrauen (Baarck et al 2022).
Positivfolgen von Programmen für sozial-emotionales Lernen
Nehmen Kinder an Programmen für sozial-emotionales Lernen (SEL) im schulischen Kontext teil, wirkt sich ihr Erwerb sozialer und emotionaler Kompetenzen nachweislich positiv auf folgende Entwicklungsfelder aus:
Emotionales Wohlbefinden, z. B. Anstieg positiver Lebenseinstellung und Selbstwahrnehmung, Rückgang internalisierten Problemverhaltens (Cipriano et al., 2023, Murano et al., 2020)
Soziale Entwicklung, z. B. Steigerung von pro-sozialem Verhalten, Beziehungs- und Konfliktlösungskompetenz (Taylor et al., 2017, Cipriano et al., 2023)
Exekutive Funktionen, z. B. verbesserte Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis und Selbstregulation (Kats Gold et al., 2021)
Akademische Leistungen, z. B. verbesserte Unterrichtsbeteiligung und Leistungen im Rechnen und Lesen (Durlak et al., 2011, Kats Gold et al., 2020)
Neuronale und physische Resilienz, z. B. Senkung des Cortisollevels und niedrigere Herz Raten Variabilität (Blewitt et al., 2024)
Adoleszenz, z. B. höhere Schulabschlüsse und Einkommen, geringere Risiken psychischer Erkrankung, Straffälligkeit und Substanzmissbrauchs (Jones et al., 2011)
Eine umfassende Meta-Studie zu Wirkungen von sozial-emotionalen Lernprogrammen kommt zu dem Schluss, dass die größten positiven Effekte bei den Interventionen beobachtet werden, die schon im Vorschul- oder Grundschulalter zum Einsatz kommen. Zudem sind diese positiven Effekte langfristig robust und haben somit präventiven Charakter für den weiteren Lebensverlauf (Taylor et al., 2017).
Der positive Einfluss auf die akademischen Leistungen macht sich am stärksten beim Lesevermögen und der Mathematik bemerkbar, etwas weniger, aber immer noch signifikant bei den Naturwissenschaften. Diese Effekte können unabhängig vom sozio-ökonomischen Hintergrund der Teilnehmenden bestätigt werden (Corcoran, Cheung, Kim, 2018). Für Kinder aus Hochrisikolagen wurde dieser Zusammenhang explizit nachgewiesen (Jones et al., 2011). Auch bei Programmen, die explizit curriculare Gegebenheiten und Klassenraum-Management-Strategien berücksichtigen, sind diese Ergebnisse konsistent (Korpershoek, Harms, 2016).
In einer aktuellen deutschen Meta-Studie von Hövel et al. (2019) wurden zwölf Programme in Deutschland untersucht, die Kinder zwischen fünf und zehn Jahren adressieren. Über alle Studien hinweg konnten mit Verbesserungen der emotionalen und sozialen Kompetenzen der Kinder auch verbesserte schulische Fertigkeiten gemessen werden. Bei den Programmen, für die Langzeiteffekte gemessen wurden, konnte eine Reduktion von psychosozialen Problemen beobachtet werden (Hövel, Hennemann, Rietz, 2019).
Auf kollektiver Ebene lassen sich Positivfolgen durch Einsparungen in der Gesundheitsversorgung, Einkommensverbesserungen und die Wirkung auf die Wirtschaftsleistung eines Landes beziffern.
Unterschiedliche Ansätze berechnen ein Nutzen-Kosten Verhältnis von 7:1 bis hin zu 11:1 und bescheinigen damit ein hohes Potential zur Einsparung gesamtgesellschaftlicher Kosten (Belfield, Clive, 2015).
Bei Reduktion psychischer Erkrankungen durch die Teilnahme an SEL-Programmen könnte eine gewisse Senkung der Gesundheitskosten auf die Programme zurückgeführt werden.
Berechnungen der Bertelsmann Stiftung zeigen, dass eine breite Bildungsexpansion bis zum Jahr 2050 mit 800.000 neuen Erwerbspersonen die Fachkräftelücke um 16 % ausgleichen könnte. Eine solche Bildungsexpansion hätte auch Auswirkungen auf die Wirtschaftskraft in Deutschland: Das reale Bruttoinlandsprodukt pro Kopf könnte um etwa 1.500 Euro steigen (López, Petersen, Thiess, 2021).
Eine Langzeitstudie aus dem anglo-amerikanischen Raum belegt zudem einen kausalen Zusammenhang zwischen der Teilnahme an SEL-Programmen und der politischen Beteiligung in Form von Wahlbeteiligung, und bürgerschaftlichem bzw. zivilgesellschaftlichem Engagement. Kinder die im Rahmen von SEL Programmen Kompetenzen wie Selbstregulation und Strategien sozialer Integration und Interaktion erlernt haben, sind zu 30-40% häufiger aktiv an der Wahlurne und in gesellschaftlicher Beteiligung (Holbein, 2017).
Auf Basis dieser Erkenntnisse erscheint sozial-emotionales Lernen als vielversprechender Ansatz zur Lösung der beschriebenen gesellschaftlichen Herausforderungen.